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Kurzfilm

"Farbregen" von Lara Miranda

Reaktion auf Katharina Grosse - Ein Glas Wasser, bitte, 2024

Farbe wirkt bei Katharina Grosse wie eine Kraft ohne festen Ort – „Color is atopic“ – und wird zu „the most magical surface changer“. Sie greift in das System ein, ohne es nur zu dekorieren oder zu illustrieren.

Die Arbeit beginnt mit einem klaren, orthogonalen Raster aus Modulen. Dieses Raster erinnert an eine einfache, geordnete Stadtstruktur mit geraden Achsen und wiederkehrenden Formen. Es steht für Stabilität und Orientierung. Darauf trifft Farbe, die in Strömen nach unten läuft. Durch Schwerkraft, Viskosität und Zeit verändert sie nach und nach die Oberfläche. Die Arbeit entstand nicht aus einem vorher festgelegten Bild. Statt zuerst eine Idee zu entwickeln und sie dann nur umzusetzen („What I certainly never do is develop an idea and then try to visualize it“), entwickelte sich das Werk im Prozess.

Dabei wurden alle Elemente gleich wichtig: Farbe, Zeit, Material und Struktur – „Everything is an actor: color, time… all the elements“, „all the players are equal“. So entstehen Blöcke, Farbströme, Pfützen, Schichten und Unterbrechungen, die miteinander reagieren. Andere Möglichkeiten wurden bewusst verworfen: Das Raster hätte unangetastet bleiben können, oder es hätte komplett in einer gestischen Malerei aufgelöst werden können. Doch gerade die Spannung zwischen der festen Ordnung und der fließenden Farbe trägt die Wirkung der Arbeit.

Der Ablauf war deshalb einfach aufgebaut: Zuerst wurde die Ordnung gesetzt, danach wurde das Material schrittweise freigegeben. Durch Pausen und wechselnde Gießrichtungen wurde gesteuert, wie stark sich die Farben mischen, wie deckend sie wirken und wie gut das Raster noch erkennbar bleibt. Ziel war es, die „Stadtordnung“ mit Farbe zu durchqueren, ohne sie vollständig zu zerstören. Dadurch verschiebt sich auch der Blick auf das Werk: „The ‘before’ and ‘after’ completely depend on one’s choice of perspective“. Es gibt also nicht nur ein einziges Bild, sondern viele mögliche Ausschnitte und Lesarten.

Rückblickend könnte noch mehr Risiko interessant sein – etwa stärkere Überläufe oder härtere Widerstände, die die Kraft der Farbe noch deutlicher machen. Genau darin liegt aber auch die Offenheit der Malerei: Der Prozess kann „into another realm“ gehen und sich in etwas Neues verwandeln. Grenzen werden dabei immer wieder infrage gestellt – „So, no, I don’t see limits“ – und Malerei zeigt sich nicht nur als Bild auf einer Leinwand, sondern als Handlung, die darüber hinausgehen kann.